Vorneweg möchte ich gleich bemerken, dass ich weder eine Abhandlung zum handlungsorientierten Unterricht noch zum handlungsorientierten Fremdsprachenunterricht schreiben werde, sondern  einen Erfahrungsbericht zum problembasierten Lernen, das sich als  echtes Task based Language Learning (TbLL) entfaltete.

Es begann mit meiner Unterrichtsplanung. In meinem B 1.3 DaF Kurs befanden wir uns laut Lehrplan im  Modul Natürlich Natur . Trotz  des vielfältigen Angebotes des Lehrwerks Aspekte, das ich mit dem Kurs bereits durchgenommen hatte,  fehlte für die Transferphase irgendwie der persönliche Bezug. Ich wollte, dass die Kursteilnehmer, die das Lernen der deutschen Sprache als ihr Hobby betrachen, eine Aufgabe bewältigen können. Da alle ein weiteres Hobby haben, nämlich wandern, bot sich eine Aufgabe zum Thema Naturreservate in Israel an.

Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass auf der deutschen Wikipedia Seite zum Stichwort Naturparks in Israel einzelne Naturreservate ausführlich beschrieben werden, andere dagegen nur namentlich erwähnt sind. Dieses Phänomen, das Problem,  führte ich im Präsenzunterricht vor.  Es folgte ein  spontanes Plenumgespräch, in dem die Kursteilnehmer ihre Überraschung darüber äusserten, dass überhaupt eine Wikiseite zum Thema auf Deutsch  exzistiere. Welcher Personenkreis läse überhaupt die einzelnen Einträge ? Ohne meine Antwort abzuwarten, debattierte die  Kursgruppe heftig und kam  zu dem Entschluss, dass man selber einen Beitrag schreiben könne. Sogar eine Abstimmung, welches Naturreservat beschrieben werden sollte, fand statt. Die Task war geboren.

Erst an dieser Stelle war ich wieder gefragt, aber nur kurz, indem ich drei Arbeitsgruppen a drei Personen festlegte. Was und wie in den Untergruppen verhandelt wurde, überliess ich den Kursteilnehmern. Zu diesem Zeitpunkt sah ich meine Aufgabe lediglich darin, aufzupassen, dass  weiterhin die Zielsprache Deutsch benutzt wurde. Nach einer knappen Viertelstunde präsentierte jede Untergruppe ihr Ergebnis.

Drei Damen, unsere 25 bis 35 Jährigen, äusserten ihr Unbehagen und meinten trotz des  anfäglichen Enthusiasmus, die Kursgruppe sei nicht fähig, einen Wikieintrag auf Deutsch zu schreiben – aha,  hier gab es also Widerstand. Die Ältesten, Vertreter der 55+ Generation, lieferten dagen eine Fülle an Referenzen und Links, meistens auf English und Hebräisch, sowie Empfehlungen zu Onlinewörterbüchern und natürlich google translate, die die Widersacherinnen erblassen liess. Jetzt wartete ich gespannt auf das Ergebnis der Herrengruppe, die irrsinnigen Spass während der Arbeitsphase gehabt hatte. Sie stellte einen strategischen Plan vor:

Die Kursgruppe sollte den Wikieintrag als  gemeinsame Hausaufgabe schreiben. Alle zusammen, nicht jeder einen Vorbereitungstext, nein an einem Dokument sollten alle im Netz arbeiten, am besten auf google docs. Da dieses Tool nicht allen bekannt war, schlug unser Jüngster, ein Siebzehnjähriger, vor, ein  Etherpad zu erstellen. Wir hätten doch  mit diesem Tool Schreibwerkstätten im Kurs durchgeführt, die allen gefallen haben. Ich sollte die Fehler korrigieren. Anschliessend könne der Text in Wikipedia.de hochgeladen werden. Um das Ganze zu bewerkstelligen, sollte ich einen Eintrag im Kursblog erstellen, damit alle sich zurechtfinden können. Meine Rolle als Lehrer war somit festgelegt.

Der Vorschlag wurde angenommen, die Widerstreberinnen wagten keinen Einspruch, und ich legte einen Kursblogeintrag mit dem Titel Wir wollen in Wikipedia schreiben  an.

Die Hausaufgabe wurde leider nur von einem erstellt, obwohl ich im Blogkommentar nachhakte. Somit entschloss ich mich, im kommenden Präsenzunterricht eine Schreibwerkstatt auf  der Grundlage des Hausaufgabentextes durchzuführen. Die Untergruppen blieben bestehen. Innerhalb einer halben Stunde wurde intensiv am sprachlichen Ausdruck gefeilt. Die Ältesten schrieben frei, die Herren editierten ihre Übersetzungen und die Damen korrigierten ständig Konjugation, Deklination und Satzbau. Ich wurde dabei kaum wahrgenommen.

Nach Meinung der Experten  wird davon ausgegangen, dass die Task den Lernenden dazu führt, selbstständig zu erkennen, dass er bestimmte  Strukturen benötigt – kurz genannt Task Grammatik. Es geht somit um eine Vorahnung des Lernenden, der irgendwie fühlt, er bräuchte noch etwas, um sich besser ausdrücken zu können. Sei es, dass damit Strukturen gemeint sind , die aus der Muttersprache  stammen oder um solche, die in einer anderen Fremdsprache vorkommen. Oder ganz einfach um das ungute Gefühl: Das müsste ich anders machen, hier fehlt mir etwas.

Meiner Kursgruppe fehlte der Genitv und die Nominalisierung. Zu meinem großen Erstauen äußerten einige: ,, Es gibt doch den Genitiv. Können wir das noch einmal lernen – aber bitte richtig.“ Die Äußerrungen zur Nominalisierung dagegen  fielen diffus aus. Jeder beschrieb sein ungutes Gefühl.  Ich musste versichern, dass wir es lernen würden. Drei Stunden Grammatikübungen zum Genintiv und zur Nominalisierung folgten. Die Kursteilnehmer übten willig, denn es geschah ja auf ihr Verlangen, und die Task musste noch fertig gestellt werden. Nach Abschluss der Task-Grammatikphase wurde der Wikitext geringfügig verändert. Somit war die Task für drei Kursteilnehmer beendet. Lautstarker Protest der Anderen setzte ein. Sie waren stolz auf ihre Leistung und wollten wissen, wer den Text jetzt in Wikipedia hochladen sollte.

An dieser Stelle passierte etwas Interessantes. Für mich war es wie eine „Task-After-Party“. Hier waren drei Personen, die eifrig mitgearbeitet hatten, die das Ganze aber schlichtweg für eine Übung gehalten hatten. Sie berichteten erst jetzt, und zu ihrem eigenen Erstaunen, dass sie Wikianer seien. Wir erlebten  ein gegenseitiges Outing.  Zwei schreiben Fachartikel im Hebräischen Wikipedia und eine im Englischen. Die darauf folgende Unterhaltung, natürlich auf Deutsch, war eine der interessantesten, die ich in meiner Unterrichtspraxis erleben durfte.

Und unser Wikieintrag? Aus Zeitmangel wurde ich gebeten, ihn hochzuladen. Was ich dabei erlebte – das ist eine andere Geschichte.

Wichtig ist, der Wikieintrag Nimrod (Burg) exsistiert. Wäre unsere Task nicht gewesen , wer weiss?

Foto: PikiWiki Israel