„Grimm’s Order, ja Grimm’s Rule, so heißt es. Kennen Sie nicht?“ Ungläubig blickte mich die Kursteilnehmerin an:  „Das habe ich in Linguistik gelernt“ . Da saß ich und wußte nicht wovon sie sprach.

Zum Auftakt des Grimm Jahres 2013 hatte ich mich gut vorbereitet. Meine Webseite zum Thema Märchen war veröffentlicht, damit ich die einzelnen Unterichtschritte abrufen konnte, und wir saßen in gemütlicher Runde. Als Einstieg sollte jeder  seine Assoziationen zu dem Begriff Grimm preisgeben. Wie wohl jeder Deutschlehrer glaubte auch ich, als erstes würde  das Stichwort Kindermärchen fallen. Stattdessen kam sofort die Analyse der Volksmärchen des Psychoanalytikers Bruno Bettelheim zur Sprache.

Und jetzt das linguistische Phänomen. Der halb Englisch, halb Deutsch, mit russischen Akzent vorgetragene Vorwurf setzte meine Gehirntätigkeit in Gang, sollte die Frau die Lautverschiebung meinen? Irgendwas schwante mir und um Zeit zu gewinnen fragte ich nach: „Meinen Sie vielleicht das Wort Regel – Grimms Regel? “

„Nein, Order – pp wird f ,  Sie nicht wissen?“ Meine Güte, ihr schlechtes Deutsch auf C 1 Niveau und meine Ahnungen – so kamen wir nicht weiter, die prüfenden Blicke der anderen Teilnehmer nicht zu vergessen. „Im Deutschen gibt es den Begriff nicht,“ antwortete ich ihr, „aber ich bin gerne bereit, bis zum kommenden Unterricht, der Sache nachzugehen.“ Erlösend heulte die Sirene auf, und wir begaben uns schnellstens in den Bunker.

Also, was sie meinte, ist tatsächlich die erste, germanische Lautverschiebung , die 1806 von Friedrich von Schlegel, sowie 1818 von Rasmus Christian Rask entdeckt und 1822 von Jacob Grimm ausformuliert wurde. Daher wird sie im Englischen Grimm’s Law genannt.

Rasmus Rask legte Wert auf die Gesetzmäßigkeiten und systematische Entwicklungen. Auf der Proto Indo European Website fand ich folgende Erklärung:

“ For example, he noticed that certain sounds in Greek (e.g., ph, as in phrater ‘brother’ and phero ‘I carry’) corresponded regularly to other sounds in Germanic (e.g. b, as in Eng. brother and bear).“

Mit dieser Erklärung kann ich allgemein im  Deutsch Unterricht in Israel, wobei Deutsch Tertiärsprache ist, besser umgehen.  Für meine Kursteilnehmerin aus der C1 bringe ich aber lieber auch noch das  Vernersche Gesetz mit – bin mal gespannt, wie sie das nennt.