Nagel & Kimche

„Habe nichts dabei gedacht, weil Denken an Bahnhöfen in zu viele Richtungen entgleisen kann.“

Das ist Literatur pur. Aber wenn ich Literatur lese, entgleisen meine Gedanken, und die Weichen  des GER stellen sich auf die  Niveaustufen ein, wie beim Lesen des Debütromans von Matthias Nawratt.  Mehrmals kam mir der  Gedanke: „Mensch, diese Stelle kannst du  bereits in der A1 lesen.“

Eigentlich wollte ich die Geschichte einer Amour fou aus der Ökohauptstadt Freiburg wegen der verschlungen  Mohrrübe auf dem Titelbild  lesen. Heraus kam eine Liebeserklärung an den Schwarzwald: Kirschbaumblüte im Markgräflerland, in der Sommerhitze leuchtende Maisfelder, Herbstregen und Nebel im oberen Wiesental, Schnee auf dem Feldberg: Nawrat schreitet den ganzen Kreislauf der Jahreszeiten aus und fährt alle Höhen des Breisgaus ab, und als romantischer Naturschwärmer ist der gelernte Diplombiologe nicht einmal übel. (Martin Halter, FAZ)

Der Ich- Erzähler, der nach seinem abgebrochenen Studium  mit einem Sprinter als Gemüsehändler durch die Gegend kurvt, träumt . Man sieht schnell: Nawrats Fokus war das literarische Schreiben. Da hat einer konsequent auf den Traum gesetzt, nicht auf die Vernunft. (Anne Haeming, Der Spiegel)

Oft bringt der Ich-Erzähler nur  ein Wort hervor: „Theres“  Immer wenn er seine zart keimende Liebe zu der  sprunghaften, treulosen Tomate hervorbringt, wird es für den DaF-Lehrer interessant:

Theres, sage ich. Du phantasierst. Wir liegen hier in meiner Wohnung. Es ist mitten in der Nacht, wir müssen morgen beide arbeiten.

Aber warum? ruft sie. Wir könnten einfach zu Hause bleiben. Oder nach Italien fahren.

Sicher könnten wir nach Italien fahren. Wir nehmen uns im Sommer Urlaub, und dann fahren wir nach Italien.

Und warum nicht sofort?, fragt sie.

Sie schlägt die Decke zurück. Ihre Gestalt als Schatten vor dem Fenster.

Was machst du?, frage ich.

Ich gehe heim, sagt sie. Ihre Schritte auf dem Parkett….  (Kapitel 20)

Gelesen haben wir den Abschnitt  in der A1 bis zum Ende des Kapitels. Die Kommentare der 18 – 38 jährigen Lerner waren sehr interessant. Mit einfachen sprachlichen Mitteln konnten sie die Protagonisten und deren Beziehung anhand der Szene richtig einschätzen. Denn gute Literatur hat einfache Szenen, die wie eine Rolltreppe zum nächsten Niveau führen.

„Habe die Rolltreppe nehmen wollen, weil die Rolltreppe ein bestimmtes Lebensgefühl bedeutet.“